Ergebnisse Bürger*innenbefragungen Manifesta 16 Ruhr

26.02.2025
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Seit der Manifesta 13 in Marseille werden im Rahmen der Biennale Bürger*innenbefragungen durchgeführt, um die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung in unserer Gastgeberstadt oder -region zu erfassen. Dieses Format mit eingehenden Gesprächen bildet die Grundlage unseres künstlerischen Programms, welches auf die Bedürfnisse der Gemeinschaft und den Zusammenhalt in den Nachbarschaften ausgerichtet ist. Die Befragungen der Manifesta 16 Ruhr haben im Mai und Juni 2025 mit 111 Teilnehmenden aus dem ganzen Ruhrgebiet stattgefunden. Die Vorgehensweise, Einzelheiten zu den Teilnehmenden und die wesentlichen Ergebnisse finden sich unten in einer Zusammenfassung.

Transformation von Kirchen und Nachbarschaften

Im Fokus der Befragungen stand das Potenzial einer nutzbringenden Neukonzeption leerstehender sakraler Gebäude—als Räume, die in Zusammenarbeit mit den umgebenden Stadtteilen kreativ neu gedacht und umgenutzt werden können. Für den Prozess wurden drei grundlegende Ziele definiert: die Erfassung von gehaltvollem Feedback zu bereits erfolgten Umnutzungsprojekten; Nachbarschaften als sozialen und räumlichen Kontext greifbar machen, um daraus kollektive Bedeutungen abzuleiten; die Entwicklung innovativer Ideen für eine zukünftige flexible neue Nutzung von leerstehenden Kirchenräumen.

Insgesamt wurden sechs Workshops veranstaltet, vier davon in Innenräumen und zwei im öffentlichen Raum, um eine spontane Partizipation zu erleichtern. Die Workshops waren vier Städten zugeordnet: Bochum, Gelsenkirchen, Essen und Duisburg.

Teilnehmende und Methodik

Insgesamt 111 Personen haben teilgenommen. Die Altersstruktur war relativ ausgewogen, wobei die jüngste Kohorte (16 bis 24 Jahre) mit nur 9 Teilnehmenden signifikant unterrepräsentiert war (8.1 % der Gesamtzahl). Die Religionszugehörigkeit war divers: 50 Teilnehmende (45 %) bezeichneten sich als christlich, 47 (42.3 %) als nicht religiös und 11 (9.9 %) als muslimisch. Lediglich 35 Teilnehmende (31.5 %) lebten in der unmittelbaren Nachbarschaft, die im Fokus des Gesprächs stand, bzw. fühlten sich mit dieser verbunden, was auf eine nur schwache lokale Repräsentation hinwies. Eine demografische Analyse lässt annehmen, dass die Zusammensetzung der Teilnehmenden der Bevölkerung des Ruhrgebiets im Hinblick auf Alter und Geschlecht weitgehend entsprach. Personen mit muslimischer Religionszugehörigkeit haben, was erwähnenswert ist, ausschließlich an den Umfragen im öffentlichen Raum teilgenommen.

Zentrale Erkenntnisse

Es gab einen klaren Konsens darüber, dass der Abriss von Kirchen keine Option sein kann. Teilnehmende, darunter auch nicht-religiöse Personen, betrachten Kirchengebäude aufgrund ihrer freien Zugänglichkeit, ihrer gemeinnützigen Ausrichtung und als visuelles Symbol lokaler Identität als besondere Orte der kollektiven Erinnerung.

Der wichtigste Vorschlag war, dass die Kirchen nichtkommerzielle gemeinschaftliche Orte der Begegnung und des Austauschs werden sollen. Die Teilnehmenden schlugen vielgestaltige Räume vor, in denen Menschen mit verschiedenen sozialen, kulturellen und beruflichen Hintergründen zusammenkommen und auf der Basis gemeinsamer Interessen eigenständig Aktivitäten nachgehen können.

In den Befragungen wurde deutlich, dass eine nachbarschaftliche Gemeinschaft gleichermaßen als öffentlicher und privater Raum empfunden wird. Empathie und Dialog wurden als entscheidende Aspekte für das Funktionieren einer solchen Gemeinschaft definiert, um den vielfältigen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Temporäre Projekte wie die Manifesta wurden als wertvolle Katalysatoren für eine Weiterentwicklung bezeichnet, die Lernprozesse anstoßen können, neue Allianzen eröffnen, eine Reaktivierung leerstehender Gebäude ermöglichen und die Zivilgesellschaft mit ökonomischen und politischen Akteur*innen verbinden können.

Diskussionen über die urbane Umwelt haben gezeigt, dass das Erbe einer autofreundlichen und schlechten Stadtplanung in den Vierteln als problematisch empfunden wird, da sie eindeutig einen Mangel an Grünflächen und Begegnungsorten zur Folge hat.

Dieses Feedback bringt nicht nur das Bedürfnis nach Gemeinschaftsräumen zum Ausdruck, sondern auch die Funktion von Kirchen, die jenseits ihrer sakralen Bestimmung seit Jahrhunderten im sozialen Gefüge von Stadtvierteln eine zentrale Rolle spielen. Die Teilnehmenden wiesen darauf hin, dass Kirchen durch ihre besondere Architektur bestens für Umnutzungen geeignet sind, die den Bedürfnissen nach Identität, Kontemplation und Spiritualität gerecht werden. Unter anderem wurden Ruheplätze oder Kolumbarien vorgeschlagen, allerdings gab es diesbezüglich auch den Einwand, dass die sakrale Aura für Personen mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen als hinderlich empfunden werden könnte.

Zudem war die Notwendigkeit, junge Menschen einzubeziehen, ein häufig genanntes Thema. Insofern sollten Kirchen vielleicht nicht nur als Räume der nachbarschaftlichen Begegnung definiert werden, sondern auch als Anlaufpunkte für junge Menschen, die ihnen Schutz bieten aber auch Möglichkeiten der Weiterentwicklung eröffnen und ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln.