Das Hauptprogramm der Biennale
Manifesta 16 findet in vier Städten im Ruhrgebiet statt – Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum. Dabei werden ehemalige und wenig genutzte Kirchengebäude in kulturelle und gemeinschaftliche Zentren umgewandelt. In diesen werden Manifesta 16 Veranstaltungen, Werkstätten, Ausstellungen sowie ortsspezifische Auftragsarbeiten und Installationen präsentiert.
Das künstlerische Programm wurde von einem interdisziplinären künstlerischen Team entwickelt, das aus acht Kreativen Vermittler*innen oder auch Creative Mediators besteht: Josep Bohigas, Gürsoy Doğtaş und aus drei generationenübergreifenden Tandems – Henry Meyric-Hughes & Michael Kurtz, René Block & Leonie Herweg sowie Krzystof Kosciuczuk & Anda Rottenberg.
Lest hier unten über ihren Ansatz!
This is not a church (Das ist keine Kirche)
Geschrieben von Michael Kurtz im Auftrag der Manifesta 16 Ruhr Creative Mediators
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Ruhrgebiet über tausend Kirchen errichtet, um jene zu ersetzen, die durch die Bomben der Alliierten zerstört worden waren und als Bezugsort für neu eingewanderte Familien und Gemeinschaften. Einige 1950-er Jahre-Kirchen stellten einen Versuch dar, die Ideale der postfaschistischen Gesellschaft zu artikulieren. So lehnten Architekt*innen den Monumentalismus ab und legten etwa den Altar tiefer, um demokratische Prinzipien über göttliche Autorität zu stellen.
Diese radikal konzipierten Gebäude werden auch weiterhin unvermeidlich von der Geschichte heimgesucht. Die Liebfrauenkirche in Duisburg beispielsweise beherbergt Statuen eines vom Krieg zerstörten Vorgängers. Die Mauern der Gethsemane-Kirche in Bochum bestehen aus Trümmerziegeln, die in den 1940er Jahren von Gemeindemitgliedern geborgen wurden. Trümmer waren Mitte des 20. Jahrhunderts immerhin das verfügbarste Material im Deutschland. Allein im Ruhrgebiet wurden Millionen Kubikmeter entfernt, teilweise durch die berühmten Trümmerfrauen. Ziegel, die nicht wiederverwendet werden konnten, wurden oft zu Schotter für Beton verarbeitet, sodass selbst das meistverwendete Material für die Nachkriegs-Zukunft aus dem Gefüge der gewaltsamen Vergangenheit Europas bestand.
Nach Jahrzehnten der Säkularisation werden heute fast wöchentlich Kirchen im Ruhrgebiet geschlossen, um dann oft von profitgierigen Bauträgern gekauft oder langsam dem Verfall überlassen zu werden. Diese, für viele einst zentrale Wahrzeichen im Nachbarschaftsleben, sind zu Symbolen des schwindenden öffentlichen Raums geworden: Ein Zeichen sozialer Vereinzelung, der Verlusts kollektiver Erfahrung.
Die Manifesta 16 Ruhr findet in und um einige diese ausgewählten Kirchen statt und reagiert auf deren Situation. Sie fragt: Was können wir mit diesen Gebäuden machen? Was bedeuten sie? Wie könnten sie als soziale Räume erhalten bleiben? Können sie zur Bildung einer gerechteren Gesellschaft beitragen?
Der Ansatz des künstlerischen Teams zu diesen Fragen ist im Bild der Trümmerziegel verkörpert: Fragmente einer alten Welt, die zum Neubau genutzt wurden. Im einfallsreichen Geist der Trümmerfrauen konfigurieren Künstler*innen weggeworfenes Material um, um neue Ideen zu artikulieren: überflüssige Bänke, eingeschlagene Fenster, stille Orgelpfeifen. Wie die Mauern der Gethsemane-Kirche bestehen unsere Zukunftsvisionen für kollektive Erfahrung aus Überresten der Vergangenheit. Unsere Hoffnung auf Transformation wird von dem Bedürfnis des Erinnerns begleitet, unsere Handlungen von der Aufgabe motiviert, historische Ungerechtigkeiten aufzuzeigen. Diese doppelte Zeitlichkeit, die zugleich nach vorn und zurück in die Vergangenheit schaut, gibt der Biennale ihre Struktur.
So werden die Kirchen einerseits zu Orten des Austauschs von vergangenen Geschichten, die zusammen eine kaleidoskopische Geschichte des Ruhrgebiets und seiner Menschen präsentieren. Andererseits definieren partizipative Projekte und architektonische Interventionen die Gebäude neu. Historische Erzählungen stoßen an jeder Ecke auf das heutige Leben. Diese übergreifende Debatte leitet die Manifest 16 Ruhr. Sozialer Fortschritt hängt von aktiver Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ab, von dem Verständnis, wie die Geschichte die Gegenwart geprägt hat. Die Schaffung neuer öffentlicher Räume und die Bewahrung des historischen Bewusstseins sind zwei Seiten derselben Medaille.
Der Trümmerziegel-Ansatz des Künstlerischen Teams wird durch den augenzwinkernden Titel „This is not a church“ ausgedrückt, der in Negativität verweilt und gleichzeitig Potenzial für Veränderung signalisiert. Wenn dies keine Kirche ist, so stellt der Satz auch die Frage, was ist es denn dann?
Verlust ist an neue Möglichkeit geknüpft sowie die Präsenz der Vergangenheit mit der Aussicht auf eine andere Zukunft verbunden ist.
Dies ist eine gekürzte Version des konzeptuellen Essays, verfasst von Michael Kurtz im Auftrag der Manifesta 16 Ruhr Creative Mediators
Programm mit Filter:
Biennale Hauptprogramm
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- St. Josef, GelsenkirchenNeues aus alten Kirchenbänken bauen! Workshop in Gelsenkirchen mit dem spanischen Designer Curro Claret und BaucircusMitmachen!WorkshopZusammen werkeln
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